Die ersten Häftlinge von Auschwitz – wie die ersten Tage im Lager aussahen
22. Mai 2025
Am 14. Juni 1940 traf der erste Häftlingstransport in Auschwitz ein. Wer waren diese Männer? Wie sahen die ersten Tage im Lager aus?
22. Mai 2025
Die ersten Häftlinge von Auschwitz – Bedingungen in den Anfangstagen
Am 14. Juni 1940 traf der erste Massentransport polnischer politischer Gefangener im neu errichteten deutschen Konzentrationslager Auschwitz ein. Die Gruppe von 728 Männern – meist Mitglieder des Widerstands, Studenten, Lehrer und Pfadfinder – wurde aus dem Gefängnis in Tarnów deportiert. Dieses Datum gilt als Beginn des Lagerbetriebs von Auschwitz.
In diesem Artikel erfahren Sie, was in diesen ersten Tagen geschah: Wer waren diese Männer, was mussten sie durchmachen – und wie wurden ihre Geschichten zu einem Symbol für das dunkelste Kapitel der europäischen Geschichte.
Warum wurde Auschwitz gegründet?
Die Einrichtung von Auschwitz war eine Reaktion auf die Überfüllung der Gefängnisse im besetzten Polen Ende 1939 und Anfang 1940 – insbesondere im Generalgouvernement und in Oberschlesien. Zehntausende polnische Intellektuelle, Geistliche, Lehrer, Beamte und Personen, die des Widerstands verdächtigt wurden, waren verhaftet worden. Die bestehenden Haftanstalten waren überlastet.
Im Dezember 1939 schlugen SS-Funktionäre in Breslau die Errichtung eines neuen Konzentrationslagers für polnische politische Gefangene vor. Als Standort wurden die ehemaligen Kasernen des polnischen Heeres in Oświęcim (von den Deutschen in Auschwitz umbenannt) ausgewählt – wegen ihrer bestehenden Infrastruktur, der Abgeschiedenheit und der Nähe zu Bahnlinien.
Doch das Ziel des Lagers war nicht nur logistischer Natur. Auschwitz sollte ein Instrument des Terrors sein – zur Einschüchterung des polnischen Volkes und zur Zerschlagung jeglichen Widerstands. Es war Teil des umfassenderen Plans der Nazis, die polnische Führungsschicht zu vernichten und die Bevölkerung zur Zwangsarbeit für das Deutsche Reich zu versklaven.
Am 27. April 1940 ordnete Heinrich Himmler offiziell die Gründung des Lagers an. Zum ersten Kommandanten wurde SS-Offizier Rudolf Höß ernannt.
Bereits im Mai 1940 traf eine Gruppe von 30 deutschen Kriminellen aus dem Lager Sachsenhausen in Auschwitz ein. Sie erhielten die Häftlingsnummern 1 bis 30 und wurden als Funktionshäftlinge (Kapos) eingesetzt, um Neuankömmlinge zu beaufsichtigen.
14. Juni 1940 – der erste Massentransport aus Tarnów
Am frühen Morgen des 14. Juni 1940 wurden 728 Männer aus einem jüdischen Ritualbad (Mikwe) geführt, in dem sie die Nacht verbracht hatten. Unter Bewachung der bewaffneten deutschen Polizei marschierten sie schweigend durch die Straßen Wałowa und Krakowska zum Bahnhof in Tarnów. Die Einwohner konnten das Geschehen nur von ihren Fenstern aus beobachten.
Die meisten Deportierten waren im Rahmen der deutschen AB-Aktion verhaftet worden – einer Repressionskampagne gegen die polnische Intelligenz, Lehrer, Widerstandskämpfer und Pfadfinder. Der jüngste Gefangene war gerade 16 Jahre alt.
Sie wurden in Dritte-Klasse-Waggons geladen, zwölf Männer pro Abteil, und ohne Kenntnis ihres Zielorts nach Auschwitz gebracht. Dort erhielten sie die Häftlingsnummern 31 bis 758.
Politische Gefangene am Bahnhof in Tarnów vor der Deportation nach Auschwitz, 14. Juni 1940. IPN/Wikipedia, gemeinfrei
Ankunft und Registrierung
Nach der Ankunft im Lager wurden die Männer einer entwürdigenden Registrierung unterzogen. Man nahm ihnen alle persönlichen Gegenstände ab, rasierte ihre Köpfe und Körper und desinfizierte ihre Kleidung. Ihre Namen wurden durch Nummern ersetzt.
SS-Mann Karl Fritzsch richtete sich mit brutaler Klarheit an sie:
„Ihr seid nicht in ein Sanatorium gekommen, sondern in ein deutsches Konzentrationslager. Es gibt nur einen Weg hinaus – durch den Schornstein. Wenn es unter euch Juden gibt, dürfen sie zwei Wochen leben, Priester einen Monat, der Rest drei Monate.“
Ein besonders zynisches Symbol des Lagers war der Schriftzug „Arbeit macht frei“ über dem Lagertor. Er wurde von Häftlingen in der Lagerwerkstatt unter Befehl der SS angefertigt.
Ab dem 15. Juni wurden die Häftlinge einer brutalen „Quarantäne“ unterzogen – tägliche Ertüchtigungsübungen, Marschlieder, Schikanen und körperliche Gewalt. Ältere Männer und Priester wurden besonders grausam behandelt.
Die Funktionshäftlinge – oft kriminelle Deutsche – erwiesen sich häufig als grausamer als die SS-Wachen.
Erste Flucht und erstes Todesopfer
Am 6. Juli 1940 gelang Tadeusz Wiejowski mit Hilfe von fünf polnischen Zivilisten die erste Flucht aus Auschwitz. Als Reaktion darauf verhängte die SS einen 20-stündigen Appell, während dessen der jüdische Häftling Dawid Wongczewski starb. Wiejowski wurde 1941 erneut verhaftet und hingerichtet.
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Der erste Transport bestand überwiegend aus jungen Polen – Pfadfindern, Lehrern, Beamten, Widerstandskämpfern, Studenten sowie Personen, die versucht hatten, sich polnischen Einheiten im Ausland anzuschließen. Unter ihnen waren u.a.:
Stanisław Ryniak (Nr. 31) – der erste offiziell registrierte politische Häftling von Auschwitz. Nach dem Krieg arbeitete er als Architekt. Gestorben 2004.
Bronisław Czech (Nr. 349) – Olympionike und Skilehrer aus Zakopane. Er arbeitete als Kurier im Widerstand. Gestorben 1944 im Lager.
Wiesław Kielar (Nr. 290) – Filmstudent, später Autor des berühmten Lagerberichts Anus Mundi. Nach dem Krieg wurde er Kameramann.
Julian Gazda (Nr. 337) – Legionär und Offizier der polnischen Armee. Überlebte Auschwitz und Mauthausen.
Zbigniew Kruszelnicki (Nr. 143) – junger Widerstandskämpfer, später Kommandant der AK-Partisaneneinheit „Wilk“.
Kazimierz Zając (Nr. 261) – der jüngste bekannte Häftling des ersten Transports. Geboren am 19. Dezember 1923 in Jasień bei Brzesko. Mit 16 Jahren deportiert, später nach Buchenwald überstellt. Nach dem Krieg studierte er in Krakau, arbeitete u.a. in der Brauerei Okocim und lebte bis zu seinem Tod 2018 in Brzesko.
Ignacy Płachta (Nr. 758) – letzter registrierter Häftling des Transports. 1944 nach Sachsenhausen verlegt. Überlebte den Krieg, sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Laut dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau überlebten mindestens 325 der 728 Männer den Krieg. Viele ihrer Schicksale sind noch nicht vollständig erforscht.
Warum sind diese Geschichten wichtig?
Die ersten Häftlinge von Auschwitz stehen oft im Schatten des späteren Massenmords. Doch ihr Leid markierte den Beginn des Terrors, für den Auschwitz steht. Ihre Namen und Lebensgeschichten zu kennen, hilft uns, den Weg von politischer Repression zur systematischen Vernichtung zu verstehen.
Ihr Vermächtnis ist eine Mahnung – und ein Zeichen menschlicher Würde in Zeiten der Barbarei.
Gedenktag und Besuch
Der 14. Juni ist in Polen als Nationaler Gedenktag für die Opfer deutscher nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager festgelegt – zum Gedenken an den ersten Transport nach Auschwitz.
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